Auf „Klassenfahrt“ in die Biosphäre

Pellwormer Besuch im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue

Seit gut zwei Jahren ist Pellworm anerkannter Teil des Biosphärenreservats Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. In zahlenreichen Arbeitsgruppen haben viele Pellwormerinnen und Pellwormer mit daran gearbeitet, dass dieses seit langem angestrebte Ziel erreicht wurde.

Nun schien es fast so, als wenn ein wenig die Luft raus wäre. Neue Arbeitsgruppen sind kaum in Gang gekommen bzw. auch die schon bestehenden Arbeitskreise tun sich etwas schwer. Der Arbeitskreis Mobilität beschäftigt sich weiterhin intensiv mit Möglichkeiten, die Mobilität auf Pellworm, aber auch auf dem Festland, zu verbessern. Er musste aber auch schon erfahren, dass nicht jeder Vorschlag höheren Ortes willkommen ist. Was darüber hinaus der Sinn einer „Entwicklungszone“ im Biosphärenreservat sein könnte, welche Chancen für eine positive nachhaltige Entwicklung sich hier bieten könnten, war für viele Beteiligte nicht ganz klar.

Eine Entwicklungszone umfasst den Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum der Menschen. Ziel ist es, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, indem umwelt-, natur- und sozialverträgliche Nutzungsformen erprobt und praktiziert werden. In dieser Zone bestehen die geringsten Auflagen; zugleich werden beispielhafte, ressourcenschonende Praktiken – etwa die regionale Produktvermarktung – unterstützt und gefördert.
Die Entwicklungszone dient der praktischen Umsetzung nachhaltiger Entwicklung im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (ökologisch, ökonomisch, sozial) und soll ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur fördern.
Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie können hier unter den üblichen gesetzlichen Rahmenbedingungen wirtschaften. Freiwillig sollen jedoch nachhaltige Formen erprobt werden, beispielsweise durch die Vermarktung regionaler Produkte mit einem Qualitätssiegel.

 
Was lag in dieser Situation näher, als sich einmal in anderen Biosphärenreservaten umzuschauen und zu sehen und zu lernen, wie andernorts mit und im Biosphärenreservat gearbeitet wird.

Projektmanagerin Magda Hanft und Silke Wissel von der Verwaltung des Biosphärenreservats haben viel Zeit und Mühe damit verbracht, ein passendes Ziel zu finden und nach zahlreichen Recherchen wurde es das Niedersächsische Biosphärenreservat Elbtalaue. Ursprünglich als Informationsfahrt für die Gemeindevertretung und die in den Fachausschüssen der Gemeinde tätigen bürgerlichen Mitglieder geplant, konnten letztlich auch bei der Arbeit am Antrag zum Biosphärenreservat beteiligte Bürgerinnen und Bürger unter Begleitung von Silke Wissel und Britta Diederichs von der Biosphärenreservatsverwaltung die Reise in die Elbtalauen antreten. Von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichteten die Teilnehmer in einer recht gut besuchten Veranstaltung im Bürgerhus. Online dazugeschaltet waren der für die regionale Entwicklung und Bildungsarbeit zuständige Mitarbeiter der Biosphäre Niedersächsische Elbaue Tobias Keienburg sowie Dr. Nicole Schrader als Vertreterin der Halligen.
 
Das Biosphärenreservat Elbtalaue ist nicht zuletzt auch aus einem anderen Grund interessant. Ursprünglich war geplant, in diesem bis zum Fall der Mauer recht einsamen Zonenrandgebiet einen Nationalpark zu errichten. Dieses Vorhaben wurde jedoch nach Protesten von Einheimischen vor dem Oberverwaltungsgericht gekippt und so schaffte man in einem zweiten Schritt ein Biosphärenreservat, das sich heute über vier Bundesländer erstreckt und sich in die lange Kette von Biosphärenreservaten längs der Elbe eingliedert.

So hatten die acht interessierten Pellwormerinnen und Pellwormer ein umfangreiches Programm zu absolvieren. Im Vergleich zu Pellworm umfasst die Entwicklungszone des Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue 16.540 ha, die Entwicklungszone Pellworm und die Halligen sind mit 2.100 ha dagegen recht klein: Das gesamte Biosphärenreservat Elbtalaue erstreckt sich über 100 km an der Elbe von Schnackenburg bis nach Lauenburg. In der Vorbereitung hatten Magdalena Hanft und Silke Wissel aus diesem Grunde nach Rücksprache mit Mitarbeitern des Biosphärenreservats Elbaue fünf Besuchsziele herausgesucht. Zum einen ging es in das Archezentrum des Amtes Neuhaus (https://www.archezentrum-amt-neuhaus.de/desktopdefault.aspx), das als zentrales Informationszentrum fungiert. Der Bürgermeister des Amtes Neuhaus, Andreas Gehrke, ließ es sich nicht nehmen, ausführlich aus kommunaler Sicht über das Biosphärenreservat und seine Entwicklung zu berichten. Im Archezentrum selbst gab es Informationen zu den zahlreichen Partnerbetrieben (von zahlreichen Bauernhöfen bis zum Heuhotel), zur Vermarktung regionaler Produkte und der Vernetzung mit anderen Regionen und Initiativen. Weiter ging es in den Privelacker Paradiesgarten, ein von zwei zugezogenen Hamburgern geschaffener Eden mit Hofladen, Café, Ferienwohnungen und einem paradiesisch anmutenden Rosengarten, der für Stunden zum Verweilen einlädt.
Für die mitgereisten Gemeindevertreter Sönke Petersen und Nico Nommsen wurde es dann auf der nächsten Station des Reiseplans noch einmal spannend. Die Agrargesellschaft Krusendorf, hervorgegangenen aus einer LPG, weidet inzwischen auf gut 2000 ha 400 Milchkühe; allein 80 Beschäftigte sind erforderlich, um diesen großen Betrieb am Laufen zu halten. In Zusammenarbeit mit dem Biosphärenreservat wird hier auf eine möglichst nachhaltige Nutzung der Flächen geachtet und die Agrargesellschaft verfügt zudem über eine eigene Meierei, wobei eine Aufstockung des Tierbestandes auf 800 Milchkühe geplant ist.
 

Die Biosphärenverwaltung selbst verfügt über 3.500 ha eigene Flächen, die zum Teil Landwirten zur nachhaltigen Bewirtschaftung verpachtet werden können. Dass auch groß strukturierte Landwirtschaft nachhaltig und wirtschaftlich betrieben werden kann, wenn die entsprechenden Voraussetzungen gegeben sind, wurde in Krusendorf eindrücklich vorgeführt.
Eher touristisch wurde es dann zum Abschluss mit dem Besuch der Dömitzer Eisenbahnbrücke. Die von 1870 bis 1873 errichtete, knapp einen Kilometer lange Eisenbahnbrücke, war bis zu ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg eine der längsten Strombrücken Deutschland. Ein Wiederaufbau war nach dem zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands nicht denkbar und so blieb die Brücke für mehr als 50  ahre ein mit Stein und Eisen errichtetes Mahnmal für die Trennung des Landes.
 

2009 wurde die Brücke von einem niederländischen Immobilienunternehmen ersteigert, welches im Rahmen umfangreicher Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten einen 130 Meter langen Skywalk errichten ließ. Geplant ist der Ausbau weiterer Brückenbögen mit Aussichtsplattformen.
 

Zeitlich wurde es so langsam eng, stand doch noch der Michaelshof auf dem Programm: der Michaelshof war 1985 lange vor Gründung des Biosphärenreservats und dem Fall der Mauer im damaligen Zonenrandgebiet von einer Freundesgruppe gegründet worden, um „eine lebendige Kulturstätte auf dem Land zu schaffen, in der Mensch und Natur harmonisch zusammenleben“. Im Laufe der Jahre entstand eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die heute aus mehreren Bauernhöfen, weitläufigen Themengärten, Cafés, Hofläden und einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe besteht. Gut 250 Mitarbeitende sind im Michaelshof beschäftigt und die Pellwormer Reisegruppe konnte lediglich einen winzigen Teil des riesigen Areals besichtigen, denn die Zeit drängte und die Abfahrt der Fähre war nicht zu verschieben.
 
Die Teilnehmer der Fahrt zeigten sich nachhaltig beeindruckt von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue und betonten besonders das besondere Gemeinschaftsgefühl sowie die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch.

Auffällig war, dass bis auf das Archezentrum alle vorgestellten Projekte auf privater Initiative entstanden waren, teilweise auch schon lange vor der Gründung des Biosphärenreservats. Initiativen, die eben nicht zwingend auf Zustimmung oder besondere Unterstützung durch Behörden oder Gemeindevertretungen angewiesen waren. Mit Ausnahme der landwirtschaftlichen Aktivitäten handelte es ausschließlich um vorwiegend touristisch orientierte Unternehmungen. Gleichzeitig berichtete Tobias Keienburg, dass nach seiner Einschätzung ca. 1/3 der Bewohner das Biosphärenreservat schätzen und fördern, einem weiteren Drittel sei es weitgehend unbekannt und ein letztes Drittel sei eher negativ der Biosphäre gegenüber eingestellt.
 


Nach beeindruckenden Vorträgen der Teilnehmenden und ihrer Begeisterung für das Thema „Biosphärenreservat“ blieben in der weiteren Diskussion, wie es nun mit der Entwicklungszone Pellworm im Biosphärenreservat weitergehen könnte, doch einige Fragen offen.
 
Auch wenn nach der Beschreibung einer Entwicklungszone das ursprünglich verkündete „Alles kann, nichts muss“ denkbar ist, bleibt ein ausgesprochen enges Korsett der „üblichen gesetzlichen Vorschriften“. Geht es vorwiegend um eine Förderung des Tourismus oder bestehen für andere wirtschaftliche Aktivitäten abseits von Fremdenverkehr und nachhaltiger Landwirtschaft überhaupt Entwicklungschancen? Dies mit Leben zu füllen, erfordert eine Beteiligung von sicherlich mehr als einem Drittel der Bevölkerung, um gemeinsam eine Vision zu entwickeln, wie trotz zahlreicher Vorgaben und Einschränkungen wirtschaftlich erfolgreich und dennoch nachhaltig auf Pellworm etwas entwickelt werden kann.
 
Uwe Kurzke

Fotos Magdalena Hanft

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