Altes Brauchtum wird lebendig
Immer wieder sieht man auf Pellworm Wandergesellen und -gesellinnen in ihrer traditionellen Kluft. Für einige Tage oder Wochen arbeiten sie in ihrem Handwerk auf der Insel, bevor sie weiterziehen. Dass ein gebürtiger Pellwormer seine Heimatinsel als Wandergeselle verlässt, kommt dagegen ausgesprochen selten vor.
Aufgewachsen bei seinen Eltern Katja Ott und Ralf Voss lebte Johann Voss bis zu seinem 4. Lebensjahr am Norderhaffdeich, bevor die Familie zum Festland verzog. Trotzdem ist Pellworm für Johann immer „seine Heimat“ geblieben. Seine Großmutter lebte bis vor einiger Zeit auf Pellworm und betrieb lange Zeit ein Wäschegeschäft in Tammensiel. So war es für Johann selbstverständlich, als Startpunkt für seine Zeit als Wandergeselle seine Heimat Pellworm zu wählen.

Freireisende sind Wandergesellen, die sich nicht einem bestimmten „Schacht“ zugehörig fühlen. Diese Tradition stammt aus dem Mittelalter, als die verschiedenen Handwerke in Zünften organisiert waren. In den Zünften waren die verschiedenen Meister vertreten und diese Zunftmeister hatten das Monopol zur Ausführung bestimmter Arbeiten. Als Gegengewicht bildeten sich Gesellenvereinigungen, aus denen je nach Gewerk (u.a. Bauhandwerk, Metallverarbeitung, Lebensmittelherstellung etc.) die sog. Schächte hervorgingen. Teilweise pflegen diese Schächte jahrhundertealte Rituale und Gebräuche. Es gibt 5 traditionelle Schächte, die ursprünglich nur Männer aufnahmen, später kamen jüngere und offene Schächte hinzu, die für alle Geschlechter offen sind. Als Freireisende haben sich all die Wandergesellen und -gesellinnen zusammengeschlossen, die keinem Schacht angehören wollen.

Unabhängig davon werden auch von den Freireisenden Traditionen wie Kluft, Bannmeile, Mindestreisezeit sowie die moralische Verpflichtung, den guten Ruf der Wandergesellen zu bewahren, hochgehalten. Heute stellen die Freireisenden die größte Gruppe der Wandergesellen. Trotz einer fehlenden Organisation gibt es regelmäßige Zusammenkünfte und Treffen auf denen gemeinsam wichtige Themen besprochen werden. Die Unesco hat die Handwerksgesellenwanderschaft „Walz“ als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Europaweit sind die Gesellenschächte in der CCEG zusammengeschlossen (www.cceg.eu), die Treffen, Weiterbildungen und vieles mehr organisiert.

Dies alles erklärt Elrond, der als Altgeselle Johann auf Pellworm abholt und die ersten drei Monate auf seiner Wanderschaft begleiten wird. Er führt Johann in Gebräuche und Regeln ein. Ein erstes Ritual findet gleich bei der Verabschiedung am Ortsschild Pellworm statt. Eine Flasche Schnaps wird gemeinsam zur Hälfte geleert und dann vergraben. Das Ortsschild muss überklettert werden und ob das Ortsschild dann noch mit einer Unterschrift verziert oder sogar abmontiert wird, blieb offen. Einige weitere Regeln sind einzuhalten. Wird der Heimatort verlassen, darf man nur 5 Euro in der Tasche haben, gereist wird zu Fuß, Geld für Fahrten darf nicht ausgegeben werden, man muss hoffen, dass man entweder als Anhalter mitgenommen wird, umsonst mitfahren kann oder jemand anderes die Fahrt bezahlt. Handy und Laptop bleiben für die kommenden drei Jahre tabu.

Sollte Johann die ersten 3 Monate moralisch einwandfrei und unter Aufsicht des Altgesellen gut überstehen, wird er bei der nächsten Zusammenkunft „genagelt“. Für Außenstehende ein eher brutal erscheinender Brauch. Das Ohrläppchen wird auf einen Holztisch gelegt und ein Nagel mit kräftigem Schlag durchs Fleisch getrieben. Der Nagel wird dann durch einen oft goldenen Ohrring ersetzt. Wie bei Seeleuten früher gebräuchlich sollte er dazu dienen, im Todesfalle die Kosten für die Beerdigung zu decken. Der Begriff „Schlitzohr“ hat hier seinen Ursprung. Hatte sich ein Wandergeselle unehrenhaft verhalten oder gegen Regeln verstoßen, wurde der Ohrring herausgerissen und ein „Schlitzohr“ war die Folge.

Im ersten Jahr wird sich Johann im deutschsprachigen Raum aufhalten, ab dem zweiten Jahr kann auch ganz Europa bereist werden bevor es im dritten Jahr in die weite Welt hinausgehen könnte.
Auf die Frage, wie Johann nach Abitur und abgeschlossener Ausbildung zum Tischler auf die Idee kam, die mindestens nächsten 3 Jahre als Wandergeselle zu verbringen, ist seine Antwort klar und eindeutig. Für ihn ist die Wanderschaft eine Bildungsreise, auf der er handwerklich wie auch menschlich wachsen möchte.
Wenn Johann nach frühestens 3 Jahren die Grenzen der Gemeinde Pellworm wieder überschreitet, dann darf auch die Flasche ausgegraben und der Rest in fröhlicher Runde getrunken werden.
Uwe Kurzke





