Auf ein Wort, Astrid Korth

Liebe Astrid, das Amt der Bürgermeisterin erfordert eine hohe Verantwortung. Belastet Dich das?

Nein! Gar nicht! Man wächst mit seinen Aufgaben. Zu Beginn war es natürlich eine Herausforderung, aber keine Belastung. Mir macht das Amt Spaß.
 
Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag einer Bürgermeisterin auf Pellworm aus?
Ein typischer Arbeitsalltag fängt früh morgens an; ich bearbeite Emails und erledige wichtige Dinge, für die man Ruhe und Konzentration braucht. Wenn keine Außentermine anstehen, komme ich gegen neun, halb zehn Uhr ins Amt und erledige typische Alltagsaufgaben wie Emails beantworten, Telefontermine wahrnehmen, Personalangelegenheiten besprechen und für Fragen und Anliegen der Bürger zur Verfügung stehen. Nachmittags finden oft Videokonferenzen oder Sitzungen statt und abends dann Ausschuss- oder Gemeinderatssitzungen. Hinzu kommen Öffentlichkeitstermine, mindestens ein Mal in der Woche auf dem Festland.

Das klingt nach einem Vollzeitverwaltungsjob und nicht nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit?!
Allerdings. Die Gemeinde Pellworm hat vielfältigere Aufgaben zu bewältigen als eine Gemeinde in der vergleichbaren Größe auf dem Festland, z.B. wir haben eine eigene Schule – vergleichbare Gemeinden haben einen Schulverband. Wir haben einen eigenen Kindergarten, er war früher eine Elterninitiative; vergleichbare Gemeinden haben dafür andere Träger, Caritas, DRK, Kirche. Wir haben eine eigene Mensa.
Herausfordernde Aufgaben sind hinzugekommen: Statt der selbständigen Arztpraxis früher betreibt jetzt die Gemeinde ein MVZ als 100%ige Tochter; hier bin ich Vorsitzende des Gesellschafter Ausschusses MVZ. Die Physiopraxis war früher eigenständig, nun gehört sie zur Gemeinde.
Außerdem fungiere ich als Werkleitung für den Eigenbetrieb mit dem Hafen, den vergleichbare Gemeinden nicht haben, und den touristischen Einrichtungen wie Schwimmbad, Kaygolf mit Bouleanlage und Barfußpark, usw. Hinzugekommen ist das Bürgerhus, das früher verpachtet war. Und dann haben wir noch den Bauhof mit einigen Mitarbeitern, die direkt bei der Gemeinde angestellt sind. Auch Hausmeister und Reinigungskräfte von Schule und Mensa sind Gemeindeangestellte. Für all diese Bereiche bin ich Ansprechpartnerin und verantwortlich.

Du bist also Bürgermeisterin und Werkleitung in einem.
Ja, und außerdem bin ich noch Amtsvorsteherin des Amtes „Pellworm“ mit den Gemeinden Pellworm, Hooge, Langeneß und Gröde. Für all die genannten Bereiche bin ich Ansprechpartnerin vor Ort und gleichzeitig Schnittstelle zur Stadt Husum, mit der das Amt Pellworm seit 2008 eine Verwaltungsgemeinschaft bildet.

Kürzlich wurden die Vergütungen für das Ehrenamt erhöht. Wofür erhältst Du die Vergütung? Und was ist der Grund für ihre Erhöhung?
Die Vergütung erfolgt nur für das Bürgermeisteramt. Für die Werkleitung unseres Eigenbetriebes lässt die Kommunalaufsicht keinerlei Vergütung zu. Da aber meine Aufgaben als Werkleitung ungefähr 50 % meiner Tätigkeit beanspruchen und in unserer Gemeinde das Bürgermeisteramt mehr Aufwand und Verantwortung bedeutet als üblicherweise für eine Gemeinde vergleichbarer Größe (Hafen, Schule, Kindergarten, MVZ etc.), genehmigte die Kommunalaufsicht eine Erhöhung der Aufwandsentschädigung für Bürgermeister um 50 %.

Das Jahr 2025 neigt sich dem Ende. Wie blickst Du als Bürgermeisterin auf dieses Jahr zurück?
Das Jahr ist wahnsinnig schnell vergangen. Es gab einige Herausforderungen, z.B. Festlandtermine mit hohem zeitlichen Aufwand. Neben meinen Aufgaben als Amtsvorsteherin, Bürgermeisterin und Werkleitung habe ich zuhause noch meinen Betrieb zu versorgen. Schwierig waren auch Sitzungen, wo es um Personalentscheidungen ging wie die personellen Änderungen im MVZ. Mit der Verwaltungsgemeinschaft Husum gab es einige Schwierigkeiten; so ist z.B. der Haushalt 2026 noch nicht entschieden.

Welches werden die Herausforderungen für das kommende Jahr 2026 sein? Welche Hürden wird es zu überwinden geben?
Die größte Hürde wird die Aufstellung des Haushalts 2026 sein. Wir sind auf eine gute Zuarbeit der Stadt Husum angewiesen und werden sie auch einfordern.
Eine große Herausforderung wird sein, das zu erhalten, was wir haben. Beispielsweise war ein neues Dach auf das Schwimmbad möglich, aber eine Modernisierung – ausgeschlossen. Das Schwimmbad erwirtschaftet ein großes Defizit wie anderswo auch. Doch leider werden Fördergelder hierfür zur Zeit nicht zur Verfügung gestellt.
Hinzu kommt, dass wir für öffentliche Fördergelder im Wettbewerb mit anderen Gemeinden stehen. Das Land Schleswig-Holstein hat zwar vor einigen Jahren entschieden, die Insel- und Halligwelt zu erhalten und zu unterstützen, aber wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, dass sich unsere Position nicht verschlechtert.

Kannst Du unsere Leser über den Stand einiger seit langem in Planung befindlicher Großprojekte informieren?

Attraktivierung und Modernisierung des Kur- und Gesundheitszentrums
Auch hierfür erhalten wir kein Geld aus dem Finanzausgleichstopf. Wir sorgen dafür, dass das Kur- und Gesundheitszentrum erhalten bleibt. Wichtig wird hier, eine Alternative für die Wärmeversorgung zu finden, wenn die Biogasanlage ihren Betrieb einstellt.


Neubau/Modernisierung des Tiefwasseranlegers Zwei Varianten wurden erarbeitet, die nun weiter vertieft und geplant werden müssen inklusive morphologischem Gutachten und Strömungsgutachten. Wir hoffen, spätestens im Frühjahr zu wissen, welche Variante funktioniert. Damit werden wir beim Wirtschaftsministerium in Erfahrung bringen, wieviel Fördermittel wir erhalten; wenn wir das wissen, beantragen wir über den Finanzausgleich den Rest. Es wäre schön, wenn wir übernächstes Jahr mit den Arbeiten beginnen könnten.


Neubau des Deichübergangs zum Parkplatz Strucklahnungshörn Dies liegt in der Verantwortung des Zweckverbandes Strucklahnungshörn. Ich kann sagen, alle Genehmigungen liegen vor, die Förderanträge sind gestellt. Nun warten wir ab.

Oft heißt es: Pellworm befindet sich in einer Abwärtsspirale. Die Verantwortlichen in der Gemeinde müssten mehr für die Entwicklung der Insel tun. Wie begegnest Du solcher Kritik?
Als Gemeinde versuchen wir zu unterstützen durch Daseinsvorsorge, z.B. durch den Kindergarten, der von 07:30 bis 16:00 Uhr unsere Kinder betreut. Es gibt die Nachmittagsbetreuung; es gibt die Mensa, da wird frisch gekocht. Das ist für eine so kleine Gemeinde wie Pellworm nicht selbstverständlich. Wenn jemand herkommt, der hier arbeiten möchte, ist sein Kind gut versorgt; darum kümmern wir uns als Gemeinde, aber wir können nicht dafür sorgen, dass ein Arbeitnehmer auf der Insel überhaupt angestellt wird.
Und wenn die Gäste sagen, wir würden gern nach Pellworm kommen, aber wir können nicht essen gehen, weil die Gastronomie geschlossen hat, dann ist das auch für mich persönlich extrem frustrierend. Aber wir als Gemeinde, die überhaupt keine Finanzkraft hat, können nicht fördernd eingreifen, obwohl das immer behauptet wird. Früher mag das vielleicht anders gewesen sein. Aber jetzt sind wir in dem System Finanzausgleich (FAG).
Wir haben z.B. versucht, die gastronomischen Liegenschaften, die die Gemeinde selbst betreibt, anders auszustatten; das hat man uns gestrichen; denn es ist nicht Aufgabe einer Gemeinde, Gastronomie zu betreiben. Und das gilt für den gesamten Amtsbereich.
Ein anderes Beispiel: Es ist mehr als bedauerlich, dass die Reederei die MS Nordfriesland verkauft hat und dadurch vielleicht weniger Gäste auf die Insel kommen mögen, weil ihre Kinder keine Piratenfahrt machen können. Aber das haben wir als Gemeinde nicht zu entscheiden, es ist die Entscheidung der Reederei. Das Schiff gehörte nicht der Gemeinde, wir haben nicht das Geld, das Schiff zu kaufen und selbst zu betreiben. Und gemäß dem Finanzausgleichsgesetz zählt dies auch nicht zu den Aufgaben einer Gemeinde.
Oder: Mit großer Sorge beobachten wir auch den Rückgang der Bettenzahlen; als Gemeinde versuchen wir alles, die Ferienwohnungen zu erhalten, also die Problematik der fehlenden Genehmigungen zu lösen. Hier sind wir in gutem Austausch mit dem Bauamt.

Ein Bürgermeister braucht also eine hohe Frustrationstoleranz?
Ja. Man muss manchmal Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen, auch mir nicht. Wenn ich als Teil meiner Fraktion beispielsweise einen Beschluss mittragen möchte, der eigentlich rechtswidrig wäre, muss ich als Bürgermeisterin die Rechtssicherheit der Beschlüsse gewährleisten. Ehrenamtliche Bürgermeister können in solchen Fällen Juristen oder versierte Verwaltungsbeamte als Berater hinzuziehen. Letztendlich müssen wir uns alle an die Gesetze halten. Und hierüber wacht die Kommunalaufsicht.

Wie siehst Du die Zusammenarbeit mit den Fraktionen / Gemeindevertreter:innen?
Die Zusammenarbeit läuft gut; wir tauschen uns gut aus, z.B. bei den monatlichen Treffen mit den Fraktionsvorsitzenden, wo laufende oder geplante Projekte im Detail besprochen werden. Daran nimmt in der Regel auch die leitende Verwaltungsbeamtin aus Husum teil, die für rechtliche Sicherheit sorgt. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten; schließlich sind Vertreter verschiedener Parteien gewählt worden. Und jeder in seiner Fraktion hat seine Schwerpunkte, seine Stärken, wird auch mal emotional. Mal verliert man auch eine Abstimmung; aber oft wird ein Beschluss einstimmig gefasst. Daran sieht man: letztendlich wollen alle das Beste für die Insel.

Welche Möglichkeiten siehst Du, Menschen für die Arbeit in der Politik zu motivieren?
Ich finde, die politische Arbeit, die Gemeindearbeit, ist eine Bereicherung, man bekommt sehr viel Wissen über Dinge, über die man sonst nichts erfährt, über Hintergründe, warum welche Entscheidungen wie getroffen wurden. Es ist immer einfacher zu kritisieren, aber besser: man geht zu Gemeindevertretersitzungen, zu einer Ausschusssitzung. Im Ausschuss wird noch mehr diskutiert, da werden Ideen konkret.
Ich höre oft: Ihr streitet ja nur. Aber das tun wir gar nicht. Wir diskutieren, und natürlich fliegen mal die Fetzen; das gehört dazu. Ich rege mich auch mal auf und werde laut; oder jemand sagt: ich könnte heulen, wenn ich das höre. Das sind alles Emotionen, die Menschen haben, die dazu gehören und die für uns sprechen, als Menschen. Es zeigt doch, wie sehr wir uns einsetzen. Und wir haben einiges erreicht; jüngstes Beispiel: die neue Wasserleitung. Es hat fünf lange Jahre gedauert, aber die 13 Mio. Euro Extrakosten haben wir zusammen bekommen, vom Wasserverband, vom Land und zu einem kleinen Teil von der Gemeinde. Wir haben eine tolle Schule, einen tollen Kindergarten, das MVZ. Wir haben alle 14 Tage den Wochenmarkt, wir haben das Zahnarztmobil, kleinere Dinge, sicher, aber auch um die kümmern wir uns.
Wenn wir uns hier vor Ort nicht engagieren, macht es niemand, wir werden fremd verwaltet und haben gar keinen Einfluss mehr.
Sicher, es kostet viel Zeit, viel Arbeit, es ist oft frustrierend, wenn man etwas nicht erreicht. Aber ich glaube, es ist wirklich wichtig, sich aktiv zu engagieren. Nicht nur bei facebook und Co meckern sondern mitmachen, Ideen einbringen und anpacken. Nur ein Beispiel: Wir haben einen Sozialausschuss. Dort wird das Thema MVZ besprochen, und dort können direkt alle Fragen gestellt werden
Ich finde es auch wichtig, dass Frauen teilnehmen. Ich bin die erste Bürgermeisterin. Vorher waren es Männer. Darauf bin ich stolz.
Um jungen Leuten eine Stimme zu geben, hatten wir versucht einen Jugendbeirat zu gründen; leider war das Interesse nur gering. Ich würde mir wünschen, dass Schulklassen mal eine Sitzung besuchen, um einen ersten Eindruck von kommunaler Politik und Arbeit für die Gemeinde zu gewinnen.

Liebe Astrid, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Offenheit. Möchtest Du noch etwas hinzufügen.
Ja, mir ist wichtig noch einmal zu betonen: wir, die Gemeindevertreter sind für die Bürger da. Jeder und jede ist herzlich eingeladen zu den GV- und Ausschusssitzungen zu kommen und sich aktiv einzubringen. Nicht in social media-Gruppen oder privat schimpfen sondern Kritik und Fragen direkt mit uns, mit mir oder mit meinen Vertretern, die gern einspringen, wenn ich mal nicht kann, besprechen – das ist hilfreich und bringt uns weiter.
 
Das Interview führte M. Th. Kaltwasser
Foto M. Th. Kaltwasser


 


 


 

Consent Management Platform von Real Cookie Banner